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Lobbyismus an Schulen – Was tun?!

Lobbyismus an Schulen

Unsere Recherchen zu den Schulaktivitäten von RWE und Amazon zeigen erneut, dass Lobbyismus an Schulen zu einem echten Problem geworden ist. Doch die verantwortlichen Kultusministerien sehen, bis auf wenige Ausnahmen, keinen Handlungsbedarf. Sie verweisen auf die bestehenden Regeln und die Eigenverantwortlichkeit der Schulen.

SchulverweisRWE-sidebarUmso mehr freuen wir uns über die vielen positiven Reaktionen auf unsere Aktionswoche gegen Lobbyismus an Schulen: Der Online-Appell an RWE, seine Lobbyarbeit an Schulen zu beenden, wurde von über 26.300 Menschen unterzeichnet. Unsere Artikel werden in den Sozialen Medien viel geteilt und kommentiert. Der Spiegel, WDR und andere Median haben unsere Kritik aufgegriffen. Und uns erreichen viele Nachrichten von empörten Lehrern und Eltern, die uns weitere Beispiele von Meinungsmache an Schulen nennen.

Wir können und wollen nicht warten, bis Unternehmen und die Politik ihre Aktivitäten überdenken oder neue Regelungen schaffen. Daher fordern wir kritische Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Schülerinnen und Schüler auf, aktiv zu werden und Fakten zu schaffen. Die folgende Auflistung von Möglichkeiten erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn Sie weitere Ideen haben, wie Lobbyismus an Schulen zurückgedrängt werden kann, würden wir uns über einen kurzen Kommentar freuen.

  • Der beste Umgang mit manipulativen Angeboten besteht darin, diese zu nutzen, um das Thema Lobbyismus an Schulen im Unterricht zu thematisieren. Finden Sie zunächst heraus, wer hinter einem Angebot steht. Verschaffen Sie sich dann Klarheit über Motive und Ziele des Anbieters. Die Publikation „Ökonomie und Gesellschaft“ der Bundeszentrale für politische Bildung bietet einen guten Einstieg in das Thema. In einem Text darin geht es explizit um das Thema Lobbyismus an Schulen. Der BDA hatte versucht das Buch zu verhindern. Jetzt kann es jedoch wieder bestellt werden.
  • Die Schulleitung oder Lehrerinnen und Lehrer können das Thema in der Konferenz auf die Tagesordnung setzen. Nicht nur die Bereitstellung von Informationen, sondern auch verbindliche Vereinbarungen und ein regelmäßiger Austausch sind denkbar. Alle Beteiligten sollten bei dem Thema kritisch hinschauen, nachfragen und Konsequenzen ziehen und fordern.
  • SchülerInnen und Eltern sollten bei fragwürdigen Angeboten die zuständigen Lehrer oder die Schulleitung ansprechen. Nach § 99 Schulgesetz NRW ist Sponsoring beispielsweise nur dann erlaubt, wenn die Werbewirkung deutlich hinter den schulischen Nutzen zurücktritt. Diese Entscheidung trifft die Schulleitung mit der Schulkonferenz. Eltern und meistens auch Schüler sind Teil der Schulkonferenz und können über Sponsoring oder Kooperationen mitentscheiden.
  • Informieren Sie Freunde, Bekannte oder Kollegen über das Thema Lobbyismus an Schulen und die Probleme und Gefahren, die damit verbunden sind. Unsere Broschüre und den Flyer zum Thema können Sie bei uns kostenlos bestellen. Ein erster Einstieg in das Thema bietet auch der Artikel “Lobbyismus an Schulen” in unserem lobbykritischen Online-Lexikon Lobbypedia.
  • Verbreiten Sie unseren Online-Appell gegen die Lobbyarbeit von RWE an Schulen. Bis Donnerstag, den 12. November kann er noch unterzeichnet werden. Dann werden wir die Unterschriften bei einer Protestaktion vor der Konzernzentrale in Essen überreichen. Mit Ihrer Hilfe können wir den dafür notwendigen öffentlichen Druck aufbauen.
  • Sprechen Sie mit Lokalpolitikern über den RWE-Fall und berichten Sie uns von den Reaktionen. Auch wenn wir den Appell an RWE richten: Die Politik muss auf diese Instrumentalisierung der Schüler reagieren.
  • Melden Sie sich bei uns, wenn Ihnen fragwürdige Angebote von außerschulischen Akteuren begegnen. Wir werden uns auch in Zukunft gegen Lobbyismus an Schulen engagieren und sind dabei auf Ihre Unterstützung angewiesen.

Aktionswoche gegen Lobbyismus an Schulen im Überblick

Montag: Aktion: Schulverweis für RWE – Lobbyismus an Schulen stoppen
Dienstag: Imageförderung – Eine besondere Form von Lobbyismus an Schulen
Mittwoch: Türöffner – So wird Lobbyismus an Schulen verschleiert
Donnerstag: Leseförderung – So öffnet sich die Schultür für Amazon
Freitag: Lobbyismus an Schulen – Was tun?!

Felix Kamella

Autor: Felix Kamella

Studierte in Bonn Politische Wissenschaft, Osteuropäische Geschichte und Slavistik. Seit Februar 2011 arbeitet er bei LobbyControl. @felixkamella

6 Kommentare

  1. Ein ganz deutliches Beispiel für die Kooperation Schulministerien mit Interessen- und Arbeitgeberverbänden habe ich bei meinen google-Recherchen gefunden: kölnmetall aktuell 01-03 vom 14. April 2014 mit dem Thema: Kompetenz-Werkstatt Klassenzimmer. Teil I Diskussionsveranstaltung mit Schulministerin Löhrmann, INSM-Vertreter Wolfgang Clement, Rainer Ludwig vom Personal- und Sozialwesen der Ford-Werke, Dr. Robin J. Malloy als Experte für Neuropsychologie der Führung (hält auch gerne Vorträge an Schulen), Verena von Hugo (Handelsblatt macht Schule) u.a. Bildungsbeauftragte der Wirtschaft. Nebenbei wird deutlich: Was unter dem Mantra der Inklusion in Deutschland zelebriert wird, meint letztlich die Anpassung der Behinderten an eine marktorientierte Normalität im neoliberalen Sinne.

  2. Auch andere deutsche Unternehmen platzieren sich an Schulen: hier z.B. Henkel, die ein Programm gezielt für Grundschüler haben:
    http://www.henkel.de/presse-und-medien/specials/nachhaltigkeitsbotschafter

  3. Am krassesten finde ich immer noch die Körber-Stiftung, eine Vorfeldorganisation der Tabakindustrie, benannt nach dem ehemaligen NS-Waffenfabrikanten Kurt Adolf Körber.

    Seinen Namen trägt mittlerweile auch eine Hamburger Schule (http://www.kurtkoerber.de/kurt-koerber-gymnasium), außerdem veranstaltet die Stiftung zusammen mit dem Bundespräsidenten (!) alle zwei Jahre den Schüler-Geschichtswettbewerb (http://www.koerber-stiftung.de/bildung/geschichtswettbewerb.html).

  4. Sehr geehrte Leute,

    es wäre schön, wenn sich in diesem Punkt etwas ändern würde.

    Gez. : Erfinder der Piratenpartei

    MfG

    ben.martius

    Twitter : @MartiusBen ( Facebook-Profil vorhanden )

  5. Sehr geehrter Herr Kamella,
    in wieweit Schulleiter in NRW zulassen, dass Unternehmen der Region ihre Schule fördern,
    haben sie auf der Grundlage schulrechtlicher Bestimmungen mit der Schulkonferenz abzustimmen.
    Direkte, den Schülern unmittelbar zukommende „Begünstigungen“ (Bsp. Brotdosen) sind
    wie das Verteilen von Werbung auf dem Schulgelände ohnehin unzulässig.
    Unternehmen, die Schulen Informationsmittel überlassen, Besichtigungen ermöglichen und sie z.B. mit Sponsoring fördern,
    dies generell zu verbieten, mindert aber die Schulqualität.
    Schulen (Leiter, Lehrer, Eltern und Schüler) sind heute so wachsam,
    dass sie unguten Versuchen gezielter Meinungsbeeinflussung wachsamer begegnen
    als manche Politiker den „Hilfsangeboten“ von Lobbyisten.
    Darum werde ich diesen Aufruf von Campact & lobbycontrol nicht mit unterzeichnen
    und gebe Ihnen zu bedenken, ob Sie damit wirklich etwas Gutes bewirken.
    Denn z.B. die Möglichkeiten, Unternehmen zu besichtigen und kritisch zu befragen,
    sollten keinesfalls dem grundsätzlich berechtigten Antilobbyismus zum Opfer fallen.
    Wichtiger als ein Verbot evtl. lobbyistischer Einflussnahme in Schulen
    ist die Stärkung der Autonomie und Kritikfähigkeit von und in Schulen.
    Dafür zeigt z.B. mein Buch „Schulen brauchen gute Lehrer“ eine gute Basis auf.

    Mit freundlichem Gruß!
    Peter J. Reichard, OStD i.R.
    (als Autor: Peter Denker)

  6. “Ökonomie und Gesellschaft”, die Publikation der bpb, ist wieder erhältlich.

    Handelt es sich um die Originalversion? Wurde der Text verändert?

    Dank im Voraus?

    Deppe