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Leseförderung – So öffnet sich die Schultür für Amazon

Lobbyismus an Schulen

Am Montag haben wir aufgedeckt, wie RWE die Schulen für seine Geschäftsinteressen instrumentalisiert. Das Unternehmen nutzt diese Aktivitäten u.a. dafür, Kontakte in der Region aufzubauen und zu pflegen. RWE ist jedoch kein Einzelfall. Heute zeigen wir, wie Amazon seinen Schulwettbewerb „Lesen macht Spaß!“ strategisch für die Konzerninteressen einsetzt.

Unsere Broschüre „Lobbyismus an Schulen“ hier kostenlos bestellen…

Schon vor zehn Jahren erschien das Buch „Unternehmen machen Schule“. Darin liefert der Autor Günter Vollmer konkrete Tipps für Unternehmen, wie sie Lobbykontakte durch enge Partnerschaften mit Schulen aufbauen können: Schulaktivitäten „bieten einen Anlass zum Knüpfen von Kontakten zu Entscheidungsträgern und Meinungsführern aus Politik, Verwaltung, den Medien und anderen Anspruchsgruppen.“ Mit Blick auf die Medien rät er: „Für Unternehmen gestaltet sich der Kontakt – auch zu den lokalen Medien – in der Regel schwierig. Die Aktivitäten mit Schulen bieten hinreichen positive Anlässe, um die Kontakte zu den Medienvertretern kontinuierlich zu gestalten und zu verbessern. Diese Anlässe können auch als Vehikel dienen, andere Botschaften – zum Beispiel aus Problemfeldern des Unternehmens – in einem positiven Kontext zu transportieren.

Diese Empfehlungen beherzigt auch die PR-Abteilung von Amazon: Der von dem Unternehmen veranstaltete Schulwettbewerb „Lesen macht Spaß“ erfüllt beide von Vollmer herausgestellten Funktionen. Vor einem Jahr sind wir zum ersten Mal auf den Wettbewerb aufmerksam geworden und hatten ihm einen kritischen Beitrag gewidmet. Jetzt haben wir etwas genauer hingeschaut.

Der Wettbewerb „Lesen macht Spaß!“

Screenshot von der Webseite des Wettbewerbes von Amazon "Lesen macht Spaß!"

Screenshot von der Webseite des Wettbewerbes von Amazon „Lesen macht Spaß!“

Der Grundschulwettbewerb „Lesen macht Spaß!“ wurde von Amazon von Dezember 2014 bis Februar 2015 im Umfeld aller deutschen Logistik- und Kundendienst-Standorte des Konzerns durchgeführt. Über 200 Klassen haben sich nach Amazon-Angaben an den Schreibwettbewerben beteiligt. E-Book-Reader und Gutscheine wurden als Siegprämie verschenkt.

Als Türöffner nutzt Amazon ein unverfängliches Thema: Die Förderung der Lese- und Schreibkompetenz von Schülerinnen und Schülern. Für das Unternehmen hat der Wettbewerb jedoch eine anderen Funktion: Er gibt Amazon die Chance, mit einem positiven Artikel in der Lokalpresse aufzutauchen und die Bürgermeister seiner Standorte in einem positiven Kontext zu treffen.

Wie erfolgreich Amazon damit ist, zeigt ein Blick auf die acht Gewinnerklassen. In sechs der acht Fälle hatte ein Oberbürgermeister, Bürgermeister oder Landrat die Schirmherrschaft für den Wettbewerb übernommen. In ebenfalls sechs der acht Fälle gab es unkritische Berichte in der Lokalpresse. Dabei ließen sich die bei der Preisverleihung anwesenden Bürgermeister nicht die Gelegenheit entgehen, sich positiv über Amazon zu äußern: „Mit dem Schreibwettbewerb hat Amazon in Bad Hersfeld eine lobenswerte Initiative geschaffen“, „mit dem Schreibwettbewerb hat Amazon in Koblenz einen wichtigen Impuls gesetzt“ und „Er [der Landrat] freute sich über den Wettbewerb und die Öffnung des Logistikers. ‚Früher war Amazon nicht so zugänglich‘“.

Unkritische Artikel in der Lokalpresse, dankbare Bürgermeister und Imagepflege – Amazon profitiert von dem Wettbewerb auf vielen Ebenen. Auf der Webseite „Amazon gemeinsam“ führt das Unternehmen zudem den Schulwettbewerb als Beleg für seine gesellschaftliche Verantwortung auf. Die Kritik an dem Konzern, der wegen schlechter Arbeitsbedingungen und Steuerflucht Schlagzeilen macht, tritt so in den Hintergrund. Auch dass lokale Buchhändler, die für Leseförderung eine wichtige Rolle spielen, angesichts von Amazons Marktmacht aufgeben müssen, erscheint nicht mehr als Problem.

Lobbyismus an Schulen zurückdrängen

Lobbyismus an Schulen ist aus mehreren Gründen problematisch:

  • Leisten können sich diese Formen der Einflussnahme nur besonders finanzstarke Akteure. Wer nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügt, dessen Botschaft droht unterzugehen.
  • Durch Intransparenz und manipulative Methoden ist Lobbyismus an Schulen schwer zu erkennen. Die Gefahr ist daher groß, dass in diesen Fällen die Lerninhalte einseitig werden.
  • Die Instrumentalisierung der Schulen ist nicht mit Bildungszielen wie eigenständiger Meinungsbildung und Kritikfähigkeit vereinbar.

Damit uns niemand falsch versteht: Wir finden es toll, wenn Grundschüler sich im kreativen Schreiben ausprobieren können. Skandalös, dass Amazon die Kreativität der Kinder für seine Geschäftsinteressen instrumentalisiert. Für 2016 plant Amazon bereits eine Wiederholung.

Aktionswoche gegen Lobbyismus an Schulen im Überblick

Montag: Aktion: Schulverweis für RWE – Lobbyismus an Schulen stoppen
Dienstag: Imageförderung – Eine besondere Form von Lobbyismus an Schulen
Mittwoch: Türöffner – So wird Lobbyismus an Schulen verschleiert
Donnerstag: Leseförderung – So öffnet sich die Schultür für Amazon
Feitag: Lobbyismus an Schulen – Was tun?!

Felix Duffy

Autor: Felix Duffy

Studierte in Bonn Politische Wissenschaft, Osteuropäische Geschichte und Slavistik. Seit 2011 arbeitet er bei LobbyControl. @flxdffy

3 Kommentare

  1. Avatar

    Wenn ein wohlhabendes Wirtschtsunternehmen in den didaktischen Medien, die es den ökonomisch armen Schulen kostenlos oder kostengünstiig zur Verfügung stellt , keine Eigenwerbung, keine Verharmlosung brisanter Themen und keine Falschinformation offen oder versteckt unterbringt, kann ich seine Aktivität akzeptieren, sogar begrüßen.
    Gegenteilige Aktivitäten erfordern unsere kritische Wachsamkeit und unser Einschreiten.
    Der Teufel steckt auch hier im Detail.

    Und:
    Wettbewerbe in Schulen werden wohl immer üblicher?
    Wettbewerbe produzieren auch Nicht-Mitmacher und viele Verlierer.

    Peter

  2. Avatar

    Und wenn der Buchladen aus dem Stadtteil einen Lesewettbewerb an der Grundschule macht, Preise stiftet, in der Jury sitzt – ist das dann etwas ganz anderes? Ohne Drittmittel können Schulen es doch heute gar nicht mehr schaffen, Eltern „dürfen“ spenden und eben auch lokale Unternehmen. Wo ist die Grenze?

  3. Avatar

    jetzt mal unabhängig von den genannten Punkten finde ich es schade das fast sämtliche außerschulische Förderung auf Wettbewerbe aufbaut (Jugenforscht, Sportvereine, Musikschulen, Lesewettbewerb, etc.) – Wettbewerbe sind doch keine nachhaltige und tiefgründige Auseinandersetzung mit einem Thema – oder – wie häufig u.a. in Sportvereinen – viel zu intensiv – warum werden soviele Kinder bis zu 6 mal die Woche zum Sportraining geschafft und dann noch ständig zu Wettkämpfen; die wenigsten werden je damit ihr Geld verdienen können und werden nichteinmal vernünftig abtrainiert
    und im Fall des anderen Endes von Wettbewerben, wie bei Lesewettbewerben, beschäftigt man ja auch nur Kinder, die eh schon lesen

    Viele grüße MINTiKi

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