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Bezahlt VW seine eigenen Fans? Agentur heuerte Personal für Gegendemonstration an

Lobbyismus und Klima

Bei der letzten VW-Hauptversammlung am 19.04.2012 engagierte der Volkswagen-Konzern offenbar bezahlte Demonstranten, um sich als umweltfreundlicher Konzern zu präsentieren. Das geht aus einem aktuellen Bericht der taz hervor. Danach soll VW eine PR-Agentur beauftragt haben, um auf eine Greenpeace-Demonstration zu reagieren. Greenpeace entrollte zur Hauptversammlung ein Transparent mit der Aufschrift „Ehrlicher Klimaschutz jetzt!“ und war mit weiteren Aktivisten vor Ort, um Flugblätter zu verteilen. In einer Mail, die der taz vorliegt, bestellte die Agentur Baris- Consulting, „34 Personen, die im Falle einer Demo eine Gegendemo“ veranstalten sollten. Die taz zitiert aus einer Mail einer Mitarbeiterin der Firma Baris Consulting:

„Hallo Mädels und Jungs, für nächste Woche benötige ich für eine Veranstaltung viel Personal. In Hamburg findet tagsüber die Hauptversammlung von der Volkswagen AG statt. Volkswagen rechnet damit, dass Greenpeace eine Demonstration vor den Toren der Location machen wird“.

Als Bekleidung forderte sie Jeans und Turnschuhe, T-Shirts würden gestellt.

VW dementiert (halb), die Agentur schweigt

VW-Gegendemonstrantinnen im Greenpeace-Video

VW-Gegendemonstrantinnen im Greenpeace-Video

Ein Greenpeace-Video auf Youtube dokumentiert den bezahlten Protest: Mehrere junge Menschen – einheitlich gekleidet in T-Shirts in VW-Blau – tragen Plakate mit Konzernlogo und den Aufschriften „Blau ist das neue Grün“ oder „Effizienzchampion in jeder Klasse“. Über dem Gelände fliegt ein Flugzeug mit einem Banner „Die Nr. 1 in Sachen Umweltschutz“. Nach eigenen Angaben ist Greenpeace bei seiner VW-Kampagne häufiger auf (mutmaßlich) angeheuerten Gegenprotest gestoßen. Bei der Präsentation des Golf VII im September 2012 hätten Demonstranten Konzernchef Martin Winterkorn zugejubelt.

VW sagte gegenüber der taz zu dem bezahlten Protest bei der Hauptversammlung. „Der Inhalt der E-Mail stammt weder von Volkswagen noch von einer von Volkswagen in diesem Sinne beauftragten Agentur“. Die Formulierung „in diesem Sinne“ bleibt aber schwammig. Die Agentur Baris Consulting schrieb der taz, dass sie sich „zu dem genannten Vorgang nicht äußern“. Laut eigener Webseite wird die Agentur häufig von VW beauftragt – ihre Referenzen geben fast ausschließlich den Auto-Konzern als Auftraggeber an. Baris Consulting bietet neben den klassischen Aufgaben einer PR-Agentur auch die Vermittlung von Personal, wie z.B. Messehostessen, an.

Zusammenarbeit offenlegen!

Die Demonstration arbeitet zwar mit dem Konzernlogo. Sie imitiert aber Merkmale von Bürgerprotesten: Junge Menschen in Jeans und Turnschuhen, die Papp-Plakate in die Höhe halten, erinnern in ihrer Optik an Greenpeace-Aktionen. Die Aktion ähnelt der PR-Methode des „Astroturfings“: Dabei organisieren Unternehmen oder Lobbygruppen Proteste oder Initiativen, die wie ein unabhängiges Engagement von Bürgerinnen und Bürgern wirken sollen (Graswurzel-Proteste), in Wahrheit aber zentral gesteuert sind („Kunstrasen“ = engl. astroturf). Wenn die Informationen der taz stimmen, ist der Einsatz von extra angeheuerten „Demonstrantinnen und Demonstranten“ unsauber und nicht akzeptabel. VW würde damit Bürger-Engagement vortäuschen, wo in Wahrheit bezahlte Auftragnehmer einer Agentur auftreten.

Wir fordern VW deshalb auf, seine Rolle bei der Gegendemonstration offenzulegen. Was bedeutet es, dass VW die Agentur nicht „in diesem Sinne“ beauftragt hat? Gab es eine Zusammenarbeit mit der Agentur Baris Consulting bei der Organisation des Protests in einem anderen Sinne? Wenn ja, wie lautete der Auftrag an die Agentur? VW muss jetzt umfassend aufklären, wie die Gegenproteste gegen Greenpeace organisiert wurden, wer daran innerhalb des Unternehmens und extern beteiligt war und ob und wie die „Demonstranten“ bezahlt wurden.

Christina Deckwirth

Autor: Christina Deckwirth

Dr. Christina Deckwirth, Politikwissenschaftlerin, geb. 1978, vertritt LobbyControl in unserem Berliner Büro gegenüber Politik und Medien.