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Protest vor dem Brandenburger Tor: Überreiche sollten mehr Steuern zahlen.
Reichtum und Einfluss

Milliardärslobby gegen Erbschaftsteuer: Politik muss dagegen halten

Wer ein großes Unternehmen erbt, zahlt darauf meist kaum oder gar keine Erbschaftsteuer. Diese Ausnahmen prüft jetzt das Bundesverfassungsgericht. Doch die Politik muss unabhängig vom Urteil für gerechtere Steuern sorgen – auch gegen den Druck einer mächtigen Lobby.

von 13. Oktober 2026

Erben großer Unternehmensvermögen profitieren bei der Erbschaftsteuer von Privilegien und Schlupflöchern. Unter bestimmten Voraussetzungen werden sie von der Erbschaftsteuer weitgehend oder komplett verschont. Ob diese Begünstigung von Betriebsvermögen verfassungswidrig ist, darüber verhandelt das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe am 13. Oktober 2026.

Doch politischer Handlungsbedarf besteht unabhängig davon: Wir brauchen eine gerechtere Verteilung von Vermögen. Eine gerechtere Erbschaftsteuer ist dafür ein wichtiger Baustein. Nur 34 Großerben erbten im Jahr 2025 rund 13 Milliarden Euro und zahlten darauf erschreckend geringe Steuern: Laut Berechnungen des Netzwerk Steuergerechtigkeit wurden darauf dank der Verschonung für Betriebsvermögen nur etwa zwei Prozent Steuern gezahlt.

Die Lobby für den Status quo

Die heutigen Ausnahmen sind auch das Ergebnis von intensiver Lobbyarbeit. Schon bei der Erbschaftstteuerreform 2016 setzte sich die Lobby-Stiftung „Stiftung Familienunternehmen“ für die Begünstigungen ein. Hinter dieser Stiftung stehen Milliardärsfamilien als Eigentümer großer Unternehmen. Auch der Verband „Die Familienunternehmer“ kämpft seit Jahren gegen eine stärkere Besteuerung großer Vermögen.

Es ist Teil der Lobbystrategie, irreführende Botschaften zu verbreiten und vor vermeintlich drastischen Folgen von Besteuerung von Unternehmen zu warnen. In Bezug auf die mögliche Abschaffung von Ausnahmen für Unternehmenserben spricht Rainer Kirchdörfer von der Stiftung Familienunternehmen von einer „Katastrophe für den Standort Deutschland“.

Marie-Christine Ostermann vom Verband „Die Familienunternehmer“ warnte kürzlich vor dem „[schlimmsten] Szenario“ oder „Peitschenschlag“ für Unternehmer. Die Warnungen setzen den Schutz von Unternehmen mit der steuerlichen Verschonung ihrer Erben gleich. Es gibt außerdem zahlreiche Vorschläge, wie die Steuer gezahlt werden kann, ohne an die Substanz der Unternehmen zu gehen.

Mehr zur Lobby der Superreichen und den Erzählungen in unserem Blog:

Die Forderungen der Lobby sind weitreichend: Die „Stiftung Familienunternehmen und Politik“, der Lobbyarm der Stiftung, schlägt etwa vor, die Erbschaftsteuer ganz abzuschaffen, Kinder und Ehegatten komplett freizustellen oder mindestens Betriebsvermögen weiterhin zu entlasten. Dieses Vorhaben ist im Lobbyregister registriert und die Stellungnahme dazu wurde 2026 an die Bundestagsfraktionen, einzelne Ministerien und später an die Bundesregierung verschickt.

Bruchlinie in der CDU: „Neiddebatte“ oder Gerechtigkeit

Die Lobbysprache ist scharf und verfängt auch in der Politik: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche schaltete sich letzte Woche ein und sprach beim Thema Besteuerung von einer „unguten Neiddebatte“. Das zahlt auf eine weit verbreitete Lobbyerzählung ein und greift zu kurz.

Indem eine „Neiddebatte“ unterstellt wird, lenkt die Lobby den Fokus auf die Menschen, die keine Vermögen haben, statt Überreiche ins Visier zu nehmen. Bei der Frage, wie wir öffentliche Aufgaben, finanzieren geht es um Gerechtigkeit, die nicht einfach als Neid delegitimiert werden kann. Und auch wirtschaftliche Chancen sollten gerecht verteilt werden.

Genau das ist auch in anderen Teilen der CDU das Thema: Stefan Nacke, Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe in der Unionsfraktion, fordert in einem kürzlich veröffentlichten Positionspapier mit Friedrich von Schönfeld vom Caritasverband unter anderem eine höhere Erbschaftsteuer.

Unter dem Titel „Leistung muss mehr zählen als Herkunft“ wird ein Umdenken in der eigenen Partei gefordert. Das Papier macht eine wichtige Unterscheidung: „Die Leistung des Erblassers ist nicht die Leistung des Erben.“ Dabei gehe es auch um die Aufstiegschancen derjenigen, die kein Vermögen erben. Das Papier zeigt eine Bruchlinie innerhalb der Partei auf. Es widerspricht der bisherigen Verteidigung von Ausnahmen für Unternehmenserben durch die Union.

Auch der Koalitionspartner fordert Veränderung: Die SPD-Bundestagsfraktion spricht sich im neuen Wirtschaftsspapier erneut für eine Reform der Erbschaftsteuer bei großen Vermögen sowie für eine Vermögensteuer aus: „Sehr große Vermögen müssen einen stärkeren Beitrag zum Gemeinwohl leisten.“

Privilegierter Zugang zur Politik

Der Druck auf die Union von Seiten der Lobby dürfte trotzdem enorm sein. Denn wie eng die Kontakte der Milliardärslobby in die Politik sind, wurde in den letzten Jahren immer wieder deutlich. Regelmäßig finden exklusive Veranstaltungen wie der „Tag des Familienunternehmens“ statt, Minister*innen und Bundeskanzler*innen sind übliche Gäste.

Dieses Jahr waren neben Kanzler Friedrich Merz etwa Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), Digitalminister Karsten Wildberger (CDU), die damalige Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) und Katharina Beck (Bündnis90/Die Grünen) bei dem Lobby-Event zu Gast.

Ein Beispiel für besonders problematische Nähe deckte eine Recherche von FragdenStaat auf: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche gab der Lobby von der „Stiftung Familienunternehmen“ konkrete Hinweise und Tipps für die Lobbyarbeit. Dabei ging es um die sogenannte Wegzugsbesteuerung, nicht die Erbschaftsteuer, die übrigens sehr effektiv die Steuerflucht von Superreichen verhindert.

Der Fall zeigt trotzdem deutlich, welchen Zugang die Lobby zur Politik hat. Dabei sollte eine Ministerin unterschiedliche Interessen am Gemeinwohl messen und nicht einer finanzstarken Lobby der Superreichen noch Lobby-Tipps geben.

Kurskorrektur für mehr Gerechtigkeit

Wir brauchen eine Kurskorrektur gegen Ungleichheit. Wenn über Kürzungen bei Sozialleistungen und weitere Belastungen für Beschäftigte diskutiert wird, dürfen die Privilegien großer Vermögen nicht ausgeklammert werden.

Dabei geht es auch um politische Macht. Große Vermögen eröffnen Möglichkeiten für aufwändige Lobbyarbeit und umfangreiche öffentliche Kampagnen. Wenn Milliardärsfamilien und finanzstarke Konzerne ihre Vermögen auch noch für den Einfluss auf die Politik einsetzen und damit übermäßig Gehör finden, verzerrt das die Debatten über Besteuerung von Reichtum.

Die Bundesregierung muss deshalb handeln: steuerliche Privilegien abbauen, Lobbyeinflusss der Superreichen begrenzen und dem Druck der Milliardärslobby nicht nachgeben. Diese Verantwortung bleibt, ganz egal, wie das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entscheidet.

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