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Deutsche Vermögensberatung AG – Kandidat für die Lobbykratie-Medaille

Lobbyismus an Schulen

Quelle: www.dvag.comNominiert für die Lobbykratie-Medaille, weil sie PR-Texte als seriöses Lehrmaterial vermarktet und so Lobbyarbeit aus den Parlamenten in die Schulen verlagert.

Was ist die Lobbykratie-Medaille?

Die Deutsche Vermögensberatung AG ist mit rund 37.000 Handelsvertretern der größte Vertrieb von Finanzprodukten in Deutschland. Die Mitarbeiter der DVAG bekommen Provisionen, wenn sie ihren Kunden Lebensversicherungen, Riester-Renten oder Bausparverträge verkaufen. Weil dies im Rahmen von Hausbesuchen geschieht, bezeichneten Kritiker das Unternehmen einst als größte Drückerkolonne Deutschlands. Sorgen machen dem Finanzvertrieb derzeit Initiativen der Bundesregierung zur Verbesserung des Verbraucherschutzes. Im zuständigen Ministerium gibt es Pläne, die Jagd der Vermögensberater nach Provisionen zu reglementieren und die unabhängige Beratung der Kunden gegen Honorar zu fördern. Friedrich Bohl, der Vorsitzende des DVAG-Aufsichtsrats, findet dieses Vorhaben empörend und schimpft über „Planwirtschaft in der Finanzbranche“.

Um ihr Image aufzubessern, gibt die DVAG viel Geld für Eigenwerbung aus. Gezahlt wird für PR-Veranstaltungen mit Michael Schumacher oder Benefiz-Aktionen wie „Ein Herz für Kinder“. Als Ausdruck der eigenen „gesellschaftlichen Verantwortung“ präsentiert die Firma auch ihre Aktivitäten im Bereich der Lehrerfortbildung. Als einer der Hauptsponsoren der Initiative „Handelsblatt macht Schule“ hat die DVAG die Kosten für Erstellung, Druck und Versand einer Unterrichtseinheit zur „Finanziellen Allgemeinbildung“ übernommen. Sie ist im März 2011 in einer Auflage von 10.000 Stück erschienen und kann von Lehrern kostenlos bestellt werden. Laut Auskunft des Handelsblatts wird von dieser Möglichkeit eifrig Gebrauch gemacht. Bekanntermaßen haben viele Schulen wenig Geld und sind deshalb für Gratismaterial dankbar.

Offinfizielle Autoren der Unterrichtseinheit sind drei Mitarbeiter des Instituts für ökonomische Bildung in Oldenburg. Der stellvertretende Chefredakteur des Handelsblatts stellt in seinem Vorwort jedoch klar, wie sehr er sich über das Fachwissen freut, das die DVAG zu den Texten beigesteuert hat. Dem Bundesverband der Verbraucherzentralen zufolge sind viele Informationen in dem Lehrmaterial „oberflächlich und einseitig“. Als Beispiel wird das Firmenporträt angeführt, das der Chefvolkswirt der DVAG für die Unterrichtseinheit verfasst hat. Eine Leseprobe: „Vermögensberater zu sein ist eine spannende Tätigkeit, mit der man auch nebenberuflich – z.B. neben dem Studium – beginnen kann.“ Bei der Vermögensberatung, so heißt es weiter, gehe es allein um „die persönlichen Wünsche und Ziele der Kunden“. Also nicht etwa um die Provisionen der Berater.

Als einziger Praxiskontaktpartner in Sachen Ffinanzieller Allgemeinbildung wird die DVAG empfohlen. Die Lehrer werden dazu aufgefordert, einen Vertreter der Vertriebsfirma zu Expertengesprächen und Rollenspielen mit den Schülern einzuladen. Auf der Internetseite eines Gymnasiums aus Bremerhaven kann man nachlesen, wie der DVAG-Vertreter seine Tätigkeit den Schülern nahebringt. Zitat: „Wir sind sozusagen der Hausarzt für die finanziellen Sorgen und Nöte der Menschen.“ Ähnliche Botschaften verkünden auch andere Finanzdienstleister im Rahmen ihres Schulsponsorings.

„Früher an später denken!“ – diesen Werbeslogan hat die DVAG offenkundig auch zum Motto der eigenen Lobbyarbeit gemacht. Deshalb hat sie sich ihre Nominierung für die Lobbykratie-Medaille redlich verdient.

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Update (12.10.2015): „Handelsblatt macht Schule“ hat im September 2015 eine Neuauflage der Unterrichtseinheit veröffentlicht. Die PR-Text der DAVG kommen darin nicht mehr vor.

Autor: Felix Kamella

Studierte in Bonn Politische Wissenschaft, Osteuropäische Geschichte und Slavistik. Seit Februar 2011 arbeitet er bei LobbyControl. @felixkamella

8 Kommentare

  1. sehr bedenklich!!
    aber leider funktioniert dieses system nicht anders.
    geld vor mensch.
    diejenigen, die ganz oben stehen achten nicht darauf ob existenzen zerstört werden. man könnte auch sagen masse statt klasse.
    je mehr halbausgebildete „berater“ unterwegs sind umso mehr verträge werden geschrieben.
    und wenn der“neue“ dann wieder geht, bleiben zumindest die kunden und empfehlungen.
    37000 berater ist wohl etwas hoch gegriffen, davon schätzungsweise 30000
    karteileichen und weitere 5000 leben am existenzminimum.
    für mich nimmt das ganze schon sektenartige züge an.
    hohe provisionen?? wohl kaum, wer sich in der branche auskennt, weiß wie niedrig diese für den normalen „berater“ sind…lächrlich gering.
    die die ganz oben stehen inkl vorstand stopfen sich die taschen voll.
    in diesem sinne ein hoch auf alle ehrlichen versicherungsvertreter, die
    einen kunden wohl mindestens ebenso gut, ich meine sogar noch besser beraten können.

  2. Beängstigent, mit welchen Mitteln die DVAG jetzt schon versucht neue „Mitarbeiter“ zu finden.
    Ist nach wie vor Masse statt Klasse.
    37000 Berater……….lächerlich.
    Schätzungsweise 30000 Karteileichen und 5000 leben am Existenzminimum.
    Für mich nimmt das langsam sektenartige Züge an.

  3. Ich schliesse mich ganz besonders Hernn Lattka an: Es ist moralisch wirklich sehr verwerflich, diejenigen zu manipulieren, die eines besonderen Schutzes bedürfen.

    Natürlich haben sich auch die anderen Preisträger ihre Medaillen „redlich“ verdient :-(

  4. Dieser „Preis“ sollte sehr wohl an die DVAG verliehen werden. Dieses Unternehmen, deren (schein)selbständige provisionsabhängigen Vermögensberater zu großen Teilen selbst am Existenzminimum leben verfolgt mit dieser Strategie nur die zukünftige Rekrutierung neuer Mitarbeiter bzw. potentieller Kunden.

  5. Die Deutsche Vermögensberatung ist sehr hoch in den provisionen, wie ich bei meiner schon länger abgeschlosenen Riesterrente feststellen musste. Ebenfalls bekomme ich ein mit viel Eigenreklame gestaltetes
    Journal „Der Vermögensberater“. So kann ich mir auch das Unterrichtsmaterial ähnlich vorstellen- so jung wie möglich beeinflussen! Als Psychotherapeut kenne ich den Einfluss einer frühen Prägung.
    Daher wähle ich die Deutsche vermögensberatung.

  6. Ich wähle Deutsche Vermögensberatung AG, weil Kinder eine besonders manipularbare Gruppe in der Gesellschaft sind, die sich bei raffinierter Instrumentalisierung nur schwer wehren kann. Dass sich ihre Schulleiter und Lehrer oft nicht wehren, ist ein schlimmes Versagen in ihrer pädagogischen Ethik.

  7. Als einer der Autoren der hier beanstandeten Unterrichtseinheit weise ich den Vorwurf der Einseitigkeit der Darstellungen in den Materialien mit Nachdruck zurück. Vielleicht hätte es geholfen, wenn sich Lobbycontrol nicht nur die drei Materialien der DVAG (4 von 127 Seiten!), sondern auch die 47 vorgeschalteten – und von uns unabhängig erstellten – Inhaltsmaterialien sowie die Hinweise für die Lehrkräfte angesehen hätte.

    Im Gegensatz zu Ihrer Darstellung halte ich fest, dass durch die Bearbeitung der Materialien die Kritikfähigkeit und das Problembewusstsein der Schülerinnen und Schüler sehr wohl (und insbesondere auch im Hinblick auf das Zusammentreffen mit Branchenvertretern) geschärft wird.

    Da nun eine Durchsicht der Materialien vor Urteilsfindung offensichtlich nicht zuzumuten war, haben wir Autoren uns die Mühe gemacht, die Bestandteile der Unterrichtseinheit, in denen explizit kritische Aspekte sowie notwendige Perspektivwechsel vollzogen werden, noch einmal in einem gesonderten Dokument von 30 Seiten anschaulich aufzubereiten. Das Dokument kann unter: http://www.ioeb.de/informationsmaterial#positionspapiere abgerufen werden.

  8. Für mich haben alle Kanidaten und viele mehr diesen Preis redlich verdient. Da ich mich für einen entscheiden soll, wähle ich die Deutsche Vermögensberatung, die sicher mit dem Wohlwollen unserer Regierung tatkräftig mithilft, unser schon mutwillig beschädigtes Rentensistem (insbes. seit der Regierung Schröder durch die Riester Rente / Privatisierung, dem großen Geschenk an die Finanzwirtschaft) zum Nachteil aller jetzigen und zukünftigen Rentner, sowie aller Steuerzahler zu demontieren. Dass allerdings nun schon unseren Schulkindern diese Lügen zugemutet werden, hat schon eine eigene Qualität. Mir fällt hier zu nur eines ein: ASOZIAL! Allerdings könnten hier ebenso die anderen Finanzvertriebe, als auch die Banken- und Versicherungsbranche in die Mithaftung genommen werden. All das kostet uns und unseren Nachkommen Lebensqualität. Übrigens, im Entscheidungsgremium, das über Rentenfragen entscheidet sitzt nicht ein einziger zukünftiger Rentenbezieher. Warum nur? Das hat System.

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