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Neue Studie: Wem gehört die ökonomische Bildung?

Lobbyismus an Schulen

Netzwerk Ökonomische Bildung
Lobbyisten gibt es (fast) überall: in Ministerien, versteckt in sozialen Netzwerken und auch in Schulen. Zumindest versuchen sie in Schulen vermehrt in Erscheinung zu treten und haben damit immer mehr Erfolg. Eine neue Studie (pdf) von Lucca Müller und Reinhold Hedtke über die Lobbyarbeit von Wirtschaftsverbänden in der ökonomischen Bildung verdeutlicht die Gefahr, dass Schulen zum Spielfeld einseitiger Interessen werden.

Die Bedingungen, auf die Lobbyisten an den Schulen treffen, sind aus ihrer Sicht nämlich gut: Schulen haben wenig Geld und freuen sich über Unterstützung, Lehrer müssen oft fachfremd unterrichten und sind auf Hilfe angewiesen, Schülerinnen und Schüler befinden sich in einer sensiblen Phase und sind besonders anfällig für einseitige Interessen. Hinzu kommt ein oft fehlendes Problembewusstsein bei Lehrern und Eltern.

Von Unterrichtsmaterialien zur Kampagne für ein Schulfach Wirtschaft
Häufigste Form der versuchten Einflussnahme ist das kostenlose Bereitstellen von Arbeitsblättern zu aktuellen Themen. Diese Arbeitsblätter sind gut gestaltet und erleichtert damit den Lehrern die Unterrichtsvorbereitung. Das hinter dem Material einseitige, privatwirtschaftliche Interessen stehen wird dabei oft übersehen. Die Kultusminister verhalten sich, was die Arbeitsblätter betrifft, passiv. Während es für Schulbücher Schulbuchkommissionen gibt, existieren für Arbeitsmaterialien nicht einmal Qualitätskriterien, an denen sich die Lehrer orientieren können.

Besonders in der ökonomischen Bildung sind einseitige Interessen sichtbar. Hier existiert ein Netzwerk aus Wirtschaftsverbänden, unternehmernahen Stiftungen, Instituten und Initiativen, die seit über zehn Jahren die Einführung eines eigenständigen Fachs Wirtschaft fordern und gezielt Einfluss auf Inhalt und Ausgestaltung des Faches nehmen.

Studie beleuchtet einseitiges Netzwerk der ökonomischen Bildung
Wie gut diese Akteure vernetzt sind und wie einseitig die dort vertretenen Positionen sind, zeigt die Studie der Bielefelder Wissenschaftler. Ausgangspunkt der Studie ist die Frage „wer mit wem?“, also die Frage, wer Einfluss auf diejenigen Akteure hat, die (mit)bestimmen, was Schüler zu wirtschaftlichen Themen lernen und was nicht.

Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die enge Vernetzung, die gute finanzielle Ausstattung und die inhaltliche Einseitigkeit der Wirtschaftslobby und der ihr nahestehenden Organisationen zu einer strukturellen Ausgrenzung gegensätzlicher Positionen führt. Damit widerspricht diese Einseitigkeit dem Grundkonsens politischer Bildung, der u.a. besagt, dass unterschiedliche Perspektiven und Positionen so dargestellt werden müssen, dass Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben ihr eigenes Urteil zu bilden.

Verstärkt wird die Einseitigkeit dadurch, dass es kaum andere Akteure gibt, die mit gegensätzlichen Positionen für einen Ausgleich der Interessen sorgen würden. Zwar haben sich u.a. die Gewerkschaften der Thematik mittlerweile angekommen, ihr Gewicht ist jedoch vergleichsweise gering. Die einseitige Dominanz privatwirtschaftlicher Akteure führt zudem zu einer Vermischung von öffentlichem Bildungsauftrag und privaten Geschäftsinteressen.

Der zweite Teil der Studie ist eine Netzwerkskizze von Lucca Möller, die die Vernetzung von Personen, Projekten und Publikationen aufzeigt. Am Beispiel des vom Handelsblatt veranstalteten jährlichen Kongresses „Wirtschaft und Schule“ wird die einseitige parteipolitische Vernetzung sichtbar. Drei Viertel der im Programm hervorgehobenen Politiker sind CDU/CSU Mitglieder, ca. ein Sechstel sind Mitglieder der FDP. Die SPD war in den vergangenen Jahren nur in einem Fall sichtbar vertreten. Als Akteure treten vor allem das Institut für Ökonomische Bildung GmbH (IÖB) der Universität Oldenburg, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände e.V. (BDA), die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und die Ludwig-Erhard Stiftung in Erscheinung, die ebenfalls eng miteinander vernetzt sind.

Veranschaulicht wird das Netzwerk durch drei Visualisierungen: Überblick, Personen, Projekte.

Einseitigen Lobbyismus in der Schule nicht hinnehmen
Die Studie zeigt, dass der Einfluss auf die ökonomische Bildung strukturell einseitig ist und von privatwirtschaftlichen Akteuren dominiert wird. Lobbyismus ist eben nicht nur die direkte Einflussnahme auf politische Entscheidungen, sondern auch die breitere Beeinflussung gesellschaftlicher Debatten und Einstellungen, um so langfristig die eigenen Interessen durchzusetzen. Wir wollen uns deshalb in Zukunft intensiver mit dem Thema Lobbyismus an Schulen beschäftigen. Als erster Schritt recherchieren wir weiter, um die Problematik genauer zu beleuchten. Im zweiten Schritt wollen wir das Problembewusstsein bei Lehrerinnen und Lehrern, Eltern und Entscheidungsträgern fördern. Schulen dürfen kein Spielfeld einseitiger Interessen sein.

Studie: http://www.iboeb.org/moeller_hedtke_netzwerkstudie.pdf

Update: Das in der Studie erwähnte Institut für Ökonomische Bildung gGmbH hat mittlerweile eine Stellungnahme (PDF) veröffentlicht.

Foto: Ausschnitt aus der Netzwerkstudie von Lucca Möller

Felix Kamella

Autor: Felix Kamella

Studierte in Bonn Politische Wissenschaft, Osteuropäische Geschichte und Slavistik. Seit Februar 2011 arbeitet er bei LobbyControl. @felixkamella

6 Kommentare

  1. Nachtrag: Die Unwissenschaftlichkeit ist erwiesen!

    Jetzt hat sich auch die wissenschaftliche Vereinigung der Wirtschaftsdidaktiker, der Prof. Dr. Hedtke sogar selbst angehört, zu dieser m. E. äußerst schwachen Darbietung geäußert. Und zwar in noch drastischeren Worten: Es handele sich um “einseitig verkürzende Darstellungen”, “unzulässige Verallgemeinerungen” und es lägen “gravierende methodische Mängel” vor. Wow!!! Das ist Klartext!!!

    Siehe:
    http://degoeb.de/uploads/degoeb/DeGoeB%20Stellungnahme%20iboeb%20Nr1.pdf

    Ist Prof. Dr. Hedtke mittlerweile in seiner Zunft völlig isoliert? Für mich sieht es ganz so aus.

  2. Ein wichtiger Artikel!
    Was nicht so gut heraus kommt, ist, dass nicht irgendwelche (“unpersönliche”) Organisationen oder Unternehmen diesen Einfluss zum eigenen Vorteil ausüben, sondern dass in der Regel superreiche Bürger – ich nenne sie moderne Feudalherren / Meudalherren – dahinterstecken:

  3. Leider entsteht hier bislang kein echter Diskurs über diese “Studie”. Schade! Das ist auf anderen Seiten im web ganz anders. Auf Zeit-Online gibt es schon 69 Kommentare! Viele davon lesenswert. Am besten gefällt mir Kommentar Nr 66 einer Referendarin, die das Fach Wirtschaft und Recht unterrichtet. Siehe:

    http://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2011-05/schulfach-wirtschaft?commentstart=65#comments

    Vielleicht gelingt es ja doch noch, hier etwas Dynamik in die Diskussion zu bringen. Wäre doch echt schade, wenn dieses wichtige Thema hier so wenig Beachtung fände.

    Ich frage mal deshalb einfach mal: Wie ist es beurteilen, wenn ein Wissenschaftler wie Prof. Dr. Hedtke sich eng mit Interessenverbänden vernetzt, um die Vernetzung anderer Wissenschaftler mit anderen Interessenverbänden als unlauteren Lobbyismus zu geißeln?

    Meine Meinung: Natürlich darf jeder mit einer politischen Kampagne zur Verhinderung eines Unterrichtsfachs Wirtschaft auf eine politische Kampagne zu dessen Einführung reagieren. Und natürlich darf jeder Gegenmacht organisieren. In unserer Demokratie ist es doch wohl das gute Recht von Allen, ihre partikularen Interessen zu vertreten und andere Interessen als partikular zu kritisieren. Wie sonst soll die politische Meinungsbildung (außerhalb des Parlaments und der Parteien) stattfinden?

    Kritisch finde ich aber, dass das von Prof. Dr. Hedkte meiner Meinung nach nicht offen gesagt, sondern unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft verdeckt wird. Ist das noch Wissenschaft? Oder schon Pseudowissenschaft?

    Ich bin in Sorge, dass hier die Wissenschaft erneut für ideologische Zwecke missbraucht wird. Wissenschaft und Politik – das ist offenbar inzwischen hierzulande ein in vielerlei Hinsicht problematisches Verhältnis. Ist diese Sorge berechtigt?

  4. Ich halte diese Studie für sehr erhellend. Es ist in gewisser Hinsicht sogar sekundär, wer nun in welchem Umfang Einfluss auf den Unterricht nimmt. Wichtiger ist die Erkenntnis, dass Bildung eben nicht neutral ist, sondern starken Interessenenflüssen unterliegt. Ziel echter Bildung sollte es jedoch sein, die verschiedenen Wirtschaftstheorien kennenzulernen, um sich letztlich selbst ein Bild machen zu können. Einseitige Ausrichtung gab es schon in der DDR, nur mit anderen Vorzeichen. Geht man in die Geschichte zurück, ist leicht zu erkennen, dass neue Ansätze häufig Produkt kontroverser Gegenansichten zum jeweiligen Mainstream waren. Genannt seien hier nur stellvertretend Keynes und Schumpeter. Dass heute stark auf theoretische Gleichschaltung abgezielt wird, ist auch an anderen Stellen unverkennbar und nachweisliches Ziel der Bertelsmann Stiftung. Abweichende Ansichten muss man sich oft selbst suchen, wogegen die Medien meist immer die gleichen Antworten geben. Die Studie gibt nun eine Antwort auf die Frage, warum das so ist. Grundsätzlich muss Bildung völlig unabhängig von jeder Art Lobby-Einfluss und demokratisch sein. Freie Bildung steht auch im Grundgesetz.

  5. Lobbyismus-Kritiker als Lobbyisten

    Leider ist die so genannte Netzwerk-Studie wenig seriös und damit dem eigentlichen Anliegen abträglich. Wenn man sie intensiv studiert und methodisch analysiert, liegt der Eindruck sehr sehr nahe, dass das Ergebnis der Analyse wohl schon vor deren Beginn feststand. Im Netz tauchen nur die “Gegner” auf, die “Verbündeten”, die darin eigentlich auch erscheinen müssten, werden tunlichst verschwiegen. Statt mit wissenschaftlicher Redlichkeit hat man es mit ideologischer Voreingenommeheit zu tun, die zu erheblichen Lücken im Netzwerk des Prof. Dr. Hedtke führen. Wissenschaft ist die Suche nach den eigenen Irrtümern, nicht deren Zementierung.

    Noch kritischer ist vielleicht, dass der Herr Prof. den Lobbyismus brandmarkt, obwohl er selbst doch bestens mit Lobbyisten vernetzt ist – freilich mit denen im anderen Lager.

    Siehe unter anderem:

    http://blog.verbraucherbildung.de/das-netzwerk/

    Hier ist die iböb Netzwerk-Mitglied, deren federführender Kopf (und Arm) der Herr Prof. aus Bielefeld ist.

    Siehe außerdem:

    http://www.boeckler.de/pdf/v_2011_04_08_programm.pdf

    Hier sind zwei andere iböb-Agenten in der ersten Reihe aktiv.

    Weitere Belege für umfangreiche Verstrickungen des Autors findet man im Internet leicht. Google sei Dank.

    Mein Urteil über diese Lobbyismuskritik: Die größten Kritiker der Elche, sind am Ende selber welche.

  6. Ich begrüße es, dass Lobby Control die einseitige Propaganda der genannten Organisationen und Personen offenlegt. Allerdings ist auch die Schulbuchliteratur über Ökonomie nicht besser, ebenso einseitig, nur von der anderen Seite her. Wer als Lehrer seriös über Ökonomie unterrichten will, ist daher auf Studienfachliteratur zu verweisen. Dort findet man genügend geeignetes Material in jedem gewünschten Schwierigkeitsgrad. Allerdings muss man selber lesen und nicht lesen lassen ;-)

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