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Vor G8: Bilderberg-Elitentreffen in Istanbul

Lobbyismus in der EU

Kurz vor dem G8-Gipfel – aber abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit – findet von heute bis Sonntag das jährliche Treffen der sog. Bilderberg-Gruppe statt, dieses Jahr in Istanbul. In vertraulicher Runde kommen hierbei ca. 120 Vertreter der Einflussreichen in Wirtschaft, Politik, Militär und Medien aus aller Welt zusammen, um sich über die Zukunft der Weltwirtschaft und -politik auszutauschen (zur Gästeliste siehe weiter unten).

Die Bilderberg-Gruppe gibt sich nach außen sehr verschlossen. Es mangelt deshalb an verlässlichen Informationen über die Treffen. Im Gegenzug gibt es viele Verschwörungstheorien, die in Bilderberg eine geheime Weltregierung sehen (und oft nach rechts oder ins Antisemitische abrutschen). Für den Einstieg lohnt sich ein Bericht der englischen BBC, in dem sowohl Kritik an Bilderberg als auch Vertreter der Bilderberg-Gruppe zu Wort kommen.

Der Bericht hebt hervor, dass vor allem solche (potentiell) einflussreichen Leute zu Bilderberg-Treffen eingeladen werden, die für Freihandel eintreten, ein ausgeprägtes Bewusstsein für globale Herausforderungen haben, und die Arbeit der Welthandelsorganisation, den europäischen Integrationsprozess und die transatlantische Zusammenarbeit unterstützen.

An den Treffen nehmen auch oft Politiker teil, die kurz danach wichtige Regierungsfunktionen übernehmen. Beispielsweise nahm Bill Clinton 1991 teil, als er noch Gouverneur von Arkansas war, Tony Blair 1993 noch als Oppositionsführer. Anfang Mai 2005 kam auch Angela Merkel zu dem Bilderberg-Treffen in Rottach-Eggern bei München. Verschwörungstheoretiker behaupten deshalb, bei den Bilderberg-Treffen würden heimlich zukünftige Regierungsposten verabredet. Der derzeitige Vorsitzende der Bilderberg-Treffen, Etienne Davignon (ehemaliger EU-Kommissar und Manager bei dem französischen Konzern Suez), bestreitet dies im BBC-Interview. Das Bilderberg-Lenkungskommittee sei einfach sehr gut darin, talentierte Personen mit Potential auf hochrangige Posten zu suchen, die dann eingeladen würden. Bei den Bilderberg-Konferenzen würden keine konkreten Verabredungen getroffen.

Zugleich ist klar, dass informelle Treffen wie Bilderberg eine wichtige Rolle spielen, um gemeinsame Vorstellungen und Perspektiven innerhalb der Eliten zu fördern. Es ist ein wichtiges Netzwerk der „Globalisierer“.

Die Gäste 2007
Bereits vor dem Beginn des Treffens kursierte im Internet eine Teilnehmerliste für das diesjährige Treffen. Sie komme aus dem Bilderberg-Leitungskreis, so der Journalist Daniel Estulin, der sich seit langem mit Bilderberg beschäftigt (aber auch mit verschwörungstheoretischen Einschlägen). Danach kämen u.a. der Präsident der EU-Kommission José Barroso, der Chef der Europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet, Henry Kissinger, Robert B. Zoellick (früherer Vizeaußenminister der USA, jetzt bei GoldmanSachs und vermutlich Nachfolger von Paul Wolfowitz als Chef der Weltbank), führende Wirtschaftsvertreter wie Peter Sutherland (bp, GoldmanSachs), David Rockefeller, Philippe Camus (EADS) und viele mehr.

Allerdings ist die Liste nicht hundertprozentig zuverlässig. Wir haben bei den angegebenen Teilnehmern aus Deutschland nachgefragt. Das Ergebnis:

  • Hubert Burda, Hubert Burda Media Holding: nimmt teil;
  • Josef Joffe, Herausgeberkreis Die Zeit: nimmt nicht teil;
  • Matthias Nass, stellv. Chefredakteur Die Zeit: nimmt teil:
  • Otto Schily, SPD-Abgeordneter: nimmt laut Büro nicht teil;
  • Jürgen E. Schrempp, ehemals DaimlerChrysler AG: bislang keine Antwort
  • Klaus Zumwinkel, Deutsche Post: die Post verweigert eine Stellungnahme (da kann sich jeder seinen Teil dazu denken).

Auf der Liste von Estulin fehlt Guido Westerwelle (FDP), der seine Teilnahme sogar in einer Pressemitteilung verkündet hat. Weitere Lücken können nicht ausgeschlossen werden.

Wer sich übrigens von der Teilnahme von Herrn Burda oder Herrn Nass erhofft, dass man danach Berichte in der Zeit oder in Burda-Medien lesen kann: vergessen Sie’s. Auch die Journalisten oder Vertreter von Medienkonzernen bei den Bilderberg-Treffen halten sich normalerweise an die Verschwiegenheitsregeln der Bilderberger. Die eigene Teilnahme darf bekannt gegeben werden; was auf dem Treffen diskutiert wurde und wer noch teilnahm, bleibt geheim. In deutschen Medien gab es bislang kaum Berichte über dieses Elitentreffen – obwohl die Bilderberg-Treffen mehr kritische Aufmerksamkeit bräuchten.

Noch ein Hinweis zum Schluss: Verschiedene Bilderberg-Vertreter wie Davignon sind zugleich Sonderberater der EU-Kommission.

Ulrich Müller

Autor: Ulrich Müller

Mitgründer von LobbyControl, seit 2016 Schwerpunkt Recherche und Analyse. @mueller_uli