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Cancer United – Verschleiertes Lobbying der Pharmaindustrie

Lobbyismus in der EU

Auf den ersten Blick erscheint die kürzlich in Brüssel neu gegründete Initiative „Cancer United“ durchaus unterstützenswert: Ein Zusammenschluss aus Patientenverbänden, Ärzten, Wissenschaftlern, der Industrie und Politikern hat sich zum Ziel gesetzt, die Standards der Krebsbehandlungen in Europa anzugleichen.

Nach Recherchen des Guardian bietet sich einem allerdings ein anderes Bild: Alleiniger Finanzier und Initiator der Kampagne ist die Pharmafirma „Roche“, Hersteller diverser Medikamente zur Behandlung von Krebsleiden, die mit dieser Kampagne ihre Absatzzahlen in ganz Europa in die Höhe treiben möchte. Organisiert wird die Kampagne von einer der führenden PR-Agenturen, Weber Shandwick. Als Grundlage für die Kampagne wurde eine Studie über Standards der Krebsbehandlung in verschiedenen europäischen Ländern präsentiert, welche auch komplett von „Roche“ finanziert wurde. Nach Außen hin versucht die Kampagne, sich als sozial und gemeinnützig zu verkaufen. Die Finanzierung durch Roche wird auf der Homepage von „Cancer United“ nur am Rande erwähnt. In Deutschland haben die Financial Times und das Deutsche Ärzteblatt über Cancer United berichtet – aber ohne die Hintergründe der Kampagne offen zu legen.

Auch diverse Politiker und Patientenverbände haben sich von diesem geschickten und subtilen Lobbying eines Pharmaunternehmens täuschen lassen. Der Vorstand der „Europäischen Krebspatienten Koalition“ und ein Mitglied des Europäischen Parlaments haben sich nach Informationen des „Guardian“ wieder von der Initiative distanziert und ihre Posten im Vorstand von „Cancer United“ aufgegeben, nachdem sie von der einseitigen Finanzierung erfuhren.

Mit der irreführenden Strategie haben sich „Cancer United“ und Roche in den Anwärterkreis für den „Worst EU Lobbying Award 2006“ gespielt. Die Internet-Abstimmung über das schlimmste Lobbying in der EU startet am 6. November unter www.worstlobby.eu.

Ulrich Müller

Autor: Ulrich Müller

Mitgründer von LobbyControl, seit 2016 Schwerpunkt Recherche und Analyse. @mueller_uli

4 Kommentare

  1. U. Müller

    @Simon: Sorry, ich wollte Deinen Kommentar noch ausführlicher kommentieren, bin aber noch nicht dazu gekommen.

    Erstmal nur zum letzten Punkt: der Guardian hat bereits am Tag vor dem offiziellen Kampagnenstart berichtet und weitere Hintergründe recherchiert. Und offensichtlich waren Cancer United bzw. WeberShandwick in der Vorbereitungsphase keineswegs so transparent über den Hintergrund der Kampagne. Denn verschieden Europaabgeordnete hatten im Vorfeld einen Brief geschrieben, dass sich die PR-Berater bzw. Lobbyisten identifzieren sollten, die als Sekretariat der Initiative fungierten. Politiker, deren Statements für den Kampagenstart gefilmt wurden, wurden nicht über die Hintergründe der Kampagne aufgeklärt und fühlen sich nun hintergangen.

    Cancer United ist offensichtlich bis zu den Guardian-Veröffentlichungen keineswegs offen mit den Hintergründen der Kampagne umgegangen. Im Gegenteil: Leute wurden klar in die Irre geführt, um den Eindruck einer breiten Unterstützung für Cancer United zu simulieren. Bis zu dem Punkt, dass Lynn Faulds Wood von der European Cancer Patients Coalition ohne ihr Einverständnis als Mitglied im Executive Board von Cancer United aufgeführt wurde.

    Auch die „Fast Facts“ sind noch eine Schönfärberei. Dort wird über Cancer United zuerst geschrieben:

    „The Cancer United Campaign is being driven by a coalition of patients, patient groups, doctors, nurses, researchers, industry, policy makers and major institutions involved in cancer research and care.“

    Und erst am Ende des Abschnitts über die Kampagne steht:

    „The Campaign is funded by a grant from Roche and receives logistical support from Weber Shandwick.“

    Die Realität ist aber, dass die Kampagne von Weber Shandwick im Auftrag von Roche organisiert wurde – von wegen „driven by a coalition…“.

    Jetzt ist es es doch länger geworden. Aber ich habe wirklich keinerlei Sympathien für solche Methoden.

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    Ich weiß nicht so recht… ist es wirklich „hoch problematisch“ wenn Unternehmen sich dafür einsetzen, dass Behandlungsstandards angeglichen werden? Das sehe ich anders.

    Übrigens zu dem Guardian Artikel. Auf der Website von Cancer United braucht man lediglich die „Fast Facts“ runterzuladen, um klar und deutlich auf das finanzielle Engagement von Roche hingewiesen zu werden. Ich muß schon sagen: knallharter Journalismus bei den Jungs von der britischen Presse…

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    Hallo Simon,

    das Problem bei Cancer United ist die Irreführung von EntscheidungsträgerInnen und Öffentlichkeit und die undurchsichtige Vermischung einer ernsthaften Diskussion der Krebsvorsorge in Europa mit den Interessen einer Pharmafirma. Ich halte das tatsächlich für hoch problematisch – nicht die Tatsache, überhaupt die Krebsvorsorge in Europa zum Thema zu machen.

    Grüße, Uli

  4. Avatar

    Die Studie ist doch sehr sinnvoll. Haben Sie die überhaupt gelesen? Ich meine, es ist doch in Ordnung darauf hinzuweisen, dass in einigen Ländern die Krebsvorsorge sehr lasch gehandhabt wird. Nur weil Big Business im Spiel ist, muß es sofort wieder alles ganz furchtbar sein? Ich finde, auch Organisationen wie Ihre haben eine gewisse Verantwortung für das was sie tun und sollten nicht per se alles verteufeln.