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Büchertipps zu PR, Lobbyismus und Denkfabriken

Kurz vor Weihnachten noch ein paar Tipps zu interessanten Büchen zu Lobbyismus, PR und Denkfabriken aus 2006. Natürlich nur eine kleine, unvollständige Auswahl:
1) John Stauber/ Sheldon Rampton: Giftmüll macht schlank.
2) Thomas Leif/ Rudolf Speth (Hg.): Die fünfte Gewalt.
3) Dieter Plehwe, Bernhard Walpen and Gisela Neunhöffer (Hg.): Neoliberal Hegemony.

1) John Stauber/ Sheldon Rampton: Giftmüll macht schlank.
„Giftmüll macht schlank“ deckt auf, wie PR-Berater und Lobbyisten arbeiten und dabei die Öffentlichkeit täuschen und demokratische Verfahren untergraben. Das Buch ist die überfällige deutsche Übersetzung von „Toxic Sludge is Good for You“, dem ersten Buch von John Stauber und Sheldon Rampton vom US-amerikanischen Center for Media and Democracy aus dem Jahr 1995.

Bis auf Anmerkungen von John Stauber zur deutschen Ausgabe ist der Text gleich geblieben und immer noch hoch aktuell. In leicht lesbarer Form legen John Stauber und Sheldom Rampton die Strategien der Tabakindustrie, der Atomlobby oder von Umweltverschmutzern offen und schildern u.a., wie Bürgerbewegungen ausspioniert und mit Teile und Herrsche-Strategien bekämpft wurden oder wie Kampagnen gegen unliebsame Bücher und Kritiker organisiert wurden. Auch der Einsatz von Propagandamethoden durch die amerikanische Regierung zur Durchsetzung der eigenen Außenpolitik – sei es in Mittelamerika oder im Irak – wird analysiert. Das Buch ist ein Muss für die kritische Auseinandersetzung mit der PR-Industrie. Der Orange Press-Verlag hat sich mit der schön gestalteten deutschen Ausgabe überaus verdient gemacht.

John Stauber/Sheldon Rampton: Giftmüll macht schlank. Medienprofis, Spin Doctors, PR-Wizards. Die Wahrheit über die Public-Relations-Industrie. Freiburg: Orange Press, 2006. 18 Euro.

2) Thomas Leif/ Rudolf Speth (Hg.): Die fünfte Gewalt.
Der Sammelband „Die fünfte Gewalt. Lobbyismus in Deutschland“ spannt das Panorama des deutschen Lobbyismus auf. Teil eins beschreibt die Entwicklung des Lobbyismus und liefert eine eine theoretische Einordnung. Teil zwei beschreibt in Querschnittsartikeln die Lobby-Szene in Berlin und Brüssel und ihren Adressaten. Im dritten Teil untersuchen einzelne Autoren einzelne Akteure und Themenfelder von Wirtschaftsverbänden, der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, über PR- und Lobby-Agenturen bis zur Lobbyarbeit von Umweltorganisationen und der Kirche. Zwei Artikel beleuchten das Gesundheitswesen und die Pharmalobby, außerdem werden die Agrarlobby, der ADAC und die Erosion der gewerkschaftlichen Lobbymacht beschrieben.

Insgesamt eine gelungene Mischung von Beiträgen von Journalisten, Wissenschaftlern und einigen, wenigen Leuten aus der Lobby-Szene selbst. Eine Lücke ist die Rolle von Denkfabriken für das Lobbying, aber in der nächsten Ausgabe soll ein Beitrag über die Bertelsmann Stiftung aufgenommen werden. Die theoretischen Artikel zum Lobbyismus fallen zahm aus – dafür stellen Leif und Speth in ihren eigenen Thesen zum Abschluss des Sammelbands klar: „Lobbyismus ist eine Macht ohne Legitimation: eine Macht die die Öffentlichkeit scheut, die gezielt intransparent vorgeht.“ Sie bieten dann ganz knapp sechs Lösungsvorschläge von mehr Transparenz bis zum Verzicht von Lobbytätigkeiten aktiver Politiker und einer Abkühlungsphase (Karenzzeit), bevor diese nach Ende ihrer politischen Karriere als Lobbyisten arbeiten können.

Das Buch ist beim VS-Verlag für 19,90 Euro erschienen und kann zugleich für vier Euro plus Versand bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellt werden.

Dieter Plehwe, Bernhard Walpen and Gisela Neunhöffer (Hg.): Neoliberal Hegemony
Der Sammelband thematisiert eine Lücke der beiden anderen Bücher: die Rolle von Denkfabriken und die gezielte Beeinflussung der Wissenschaft, um politische und gesellschaftliche Veränderungen durchzusetzen. Der Sammelband untersucht die neoliberalen Netzwerke von Intellektuellen und Denkfabriken weltweit. Auch die Zusammenhänge zwischen Organisationen wie der International Chamber of Commerce, der Trilateral Commission oder des Weltwirtschaftsforums werden analysiert, ebenso das Zusammenspiel von US-Regierung und „neoliberaler Zivilgesellschaft“ bei den Reformvorschlägen für Weltbank und dem Internationalen Währungsfond. Einzelne Kapitel widmen sich bestimmten Themenfeldern und Diskursen – von Bildung, über Gender Mainstreaming bis hin zu libertären Utopien ins Science-Fiction-Literatur. Das Buch richtet sich an ein akademische Publikum und ist leider mit einem Listenpreis von 125 US$ sehr teuer – aber lesenswert.

Dieter Plehwe, Bernhard Walpen and Gisela Neunhöffer (Hg.): Neoliberal Hegemony: A Global Critique. London: Routledge, 2006. (Das komplette Inhaltsverzeichnis hier.)

Dieter Plehwe ist Vorstandsmitglied von LobbyControl.

Ulrich Müller

Autor: Ulrich Müller

Mitgründer von LobbyControl, seit 2016 Schwerpunkt Recherche und Analyse. @mueller_uli

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