Macht der Digitalkonzerne

Uberfiles: Haucap setzt Auftragsarbeit für Techkonzerne fort

Problematische Auftragsstudien und zweifelhafte Verflechtungen
von 9. Dezember 2022

Durch die Recherchen zum Uberfiles-Lobbyskandal von WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung kam unter anderem ans Licht, wie der renommierte Wettbewerbsökonom Justus Haucap 2014 in die Lobbyarbeit des Fahrdienstleisters Uber verwickelt war.

Demnach zahlte Uber an Haucaps Beratungsfirma DICE Consult GmbH einen mittleren fünfstelligen Betrag für Auftragsforschung zum Taxigewerbe - und Haucap platzierte einen Meinungsbeitrag in der FAZ, in dem er für eine Liberalisierung des Marktes warb. Dafür zahlte Uber zusätzlich 4.000 Euro. Für die Leserschaft der Zeitung war der Zusammenhang allerdings nicht erkennbar. Zudem behielt sich Uber vor, Aussagen des Artikels zu ändern.

Fragwürdig ist außerdem, dass der Name der Beratungsfirma dem des Instituts der Universität Düsseldorf, an dem Haucap Professor ist, auffällig ähnlich ist. Die wissenschaftliche Reputation des öffentlichen DICE-Instituts wird somit für die privatwirtschaftlichen Zwecke der GmbH genutzt, was wir kritisierten.

Auf unsere Kritik hin hatte Haucap gegenüber der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf angekündigt, seine Beratungsfirma DICE Consult umzubenennen, um kommerzielle Beratungsarbeit von wissenschaftlicher Forschung des DICE Forschungsinstitut auch namentlich eindeutig zu trennen, wie uns die Universität mitteilte. Das ist allerdings bis heute nicht geschehen.

Bei der Recherche stießen wir zudem auf weitere problematische Auftragsstudien: Auch nach dem Uberfiles-Lobbyskandal schreckte der Haucap offenbar nicht davor zurück, über seine Beratungsfirma DICE Consult weitere Auftragsstudien für Unternehmen zu veröffentlichen. Dazu gehört eine Studie für die European Cloud Alliance (ECA), eine Microsoft-nahe Lobbygruppe in Brüssel.

Haucap zu Cloud Computing und Microsoft

Zusammen mit Kolleg:innen von DICE Consult fertigte Haucap für die ECA eine Studie zur ökonomischen Bedeutung von Clouds für die europäische Wirtschaft an. Sie betont das wirtschaftliche Potential von Cloud Computing.

Das Problem: Die Studie selbst war zunächst nicht als Auftragsarbeit gekennzeichnet. DICE Consult kündigte auf Anfrage gegenüber LobbyControl an, dass sie für deutlichere Kennzeichnung sorgen würden. Das hat DICE Consult mittlerweile getan, so dass auch im Dokument auf der Seite der Cloud Alliance die Auftragsarbeit kenntlich gemacht wurde.

Erneut erschien in diesem Zusammenhang ein Meinungsartikel von Haucap zu Cloud Computing und seiner Studie im EU-Meinungsartikelportal euractiv.com. Als Autoren sind Haucap und die European Cloud Alliance genannt. Gegenüber LobbyControl gab DICE Consult an, Haucap habe den Artikel „aus freien Stücken geschrieben, weder er noch die DICE Consult wurden dafür bezahlt.“ Es handelt sich jedoch offensichtlich um ein Kooperationsprojekt, wie die dort erwähnte Autorenschaft deutlich macht.

European Cloud Alliance: eine zweifelhafte Konstruktion

Die European Cloud Alliance (ECA) ist ohnehin eine merkwürdige Konstruktion. Sie wurde von Microsoft angestoßen und anfangs auch finanziert. Microsoft ist weiterhin ein aktives Mitglied des Lobbyverbands. Die übrigen Mitglieder sind unbekannt. Amazon wiederum, der größte Konkurrent und Spitzenreiter im Cloud Computing, ist kein Mitglied. Unterhalten wird die ECA von der Lobbyagentur Apco Worldwide und hat sogar ihren offiziellen Sitz in deren Büro in Brüssel. Direkt im Haus nebenan befinden sich die Lobbybüros von Microsoft. Der ehemalige Cheflobbyist von Microsoft, Kim Gagné, jetzt für Apco Worlwide tätig, vertritt den Verband gegenüber den EU-Institutionen. Gemeinsam mit Kim Gagné hat Justus Haucap auch seine Studie zum Cloud Computing in Europa vorgestellt.

Eine direkte Konsequenz hatte die Veröffentlichung der Uberfiles immerhin: Haucap war seit 2016 Mitglied des Kuratoriums der Fazit-Stiftung, die mehr als 90 Prozent der Anteile an der FAZ hält. Aufgrund des öffentlichen Drucks infolge der Uberfiles-Veröffentlichungen verließ er im August 2022 das Kuratorium. Wir hatten im Juli 2022 die einseitige Zusammensetzung des Gremiums kritisiert. Dort sind vorwiegend wirtschaftsnahe Vertreter:innen zu finden.

Strukturelle und personelle Verflechtung von DICE und DICE Consult GmbH

Doch nicht nur die zunächst intransparenten Auftragsstudien von Haucap im Auftrag von Techkonzernen sind problematisch. Auch die Gründung der DICE Consult GmbH für kommerzielle Auftragsstudien sowie die enge personelle und strukturelle Verflechtung mit dem Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) sind zweifelhaft.

Wir haben sieben Fälle von personellen Überschneidungen zwischen dem DICE-Institut und der DICE Consult GmbH festgestellt. Neben Prof. Haucap (Partner) und Marc Feist (Öffentlichkeitsarbeit) sind auch Prof. Christian Wey, Prof. Ulrich Heimeshoff, Prof. Dr. Hans-Theo Normann, Dr. Michael Coenen als Partner und Dr. Susanne Thorwarth als Managing Director im Team von DICE Consult und gleichzeitig am DICE tätig.

Hinzu kommt, dass laut Gesellschaftsvertrag vom 31.01.2022 eine institutionelle Verschränkung zwischen DICE und DICE Consult GmbH festgeschrieben ist: „Die Gesellschafter sind sich insoweit darüber einig, dass nach der Ziel- und Zwecksetzung der GmbH-Tätigkeit die Übernahme einer Gesellschafterstellung nur im Rahmen eines Gesellschaftermodells erfolgt, welches im Zusammenhang mit der andauernden Tätigkeit eines jeden Gesellschafters bei der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf steht.“

Auch wenn es sich bei DICE Consult also um eine Ausgründung der Heinrich-Heine-Universität handelt, ist es wichtig, dass die DICE Consult GmbH sich endlich umbenennt, um wenigstens die Namensähnlichkeit zum DICE zu vermeiden. Gleichzeitig sollte Auftragsforschung deutlich klarer von der Forschung an einem Forschungsinstitut getrennt werden. Andernfalls profitiert sie von der Reputation durch mit öffentlichen Mitteln finanzierte Professuren.

Genau mit dieser Reputation wirbt die DICE Consult GmbH auf ihrer Webseite: Die Beratungsfirma profitiere, so ist dort zu lesen, von ihren Partnern, die am „führenden akademischen Zentrum für Wettbewerbsökonomie in Deutschland – als Professoren forschen und lehren, sowie national wie international zu den führenden Experten in Wettbewerbsfragen zählen.“

Unabhängige und ergebnisoffene Wissenschaft?

Ausgründungen sind an Universitäten zwar üblich und vor allem im naturwissenschaftlich-technischen Bereich weit verbreitet, um Forschungsergebnisse in die praktische Anwendung zu bringen. Das ist an sich nicht nicht fragwürdig und in vielen Fällen sogar sinnvoll.

Im hier vorliegenden Fall ist die Lage aber eine andere. Über die Kunden des Beratungsunternehmens können die dort tätigen DICE-Professor:innen leicht in Interessenkonflikte geraten. Etwa dann, wenn die öffentliche Forschung mit den Interessen eines zahlungskräftigen Kunden kollidiert. Wissenschaft muss unabhängig und ergebnisoffen sein. Durch die finanziellen Interessen der Beratungsfirma und die enge Verzahnung mit dem öffentlichen Institut, kann die Unabhängigkeit und Ergebnisoffenheit der Forschung dort beeinträchtigt werden.

Wenn, wie im Fall Haucap und Uber mit dem Renommée als Professor am „führenden akademischen Zentrum für Wettbewerbsökonomie“ auf intransparente Weise in öffentliche Debatten im Kundeninteresse interveniert wird, ist das zusätzlich problematisch. Auch jenseits der Namensähnlichkeit erscheint die Konstruktion der eng mit dem Forschungsinstitut verflochtenen DICE Consult GmbH damit fragwürdig.

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